Reisen
Reisen hier als Tätigkeit aufzulisten, der ich gerne nachgehe ist mutig - wer kann sich teure Reisen schon als Hobby leisten? Aber es geht hier nicht nur um Urlaube, sondern eben um die Tätigkeit des Reisens - oder wie es ein türkischer Tour Guide in den USA ausdrückte: "Wir sind Reisende, keine Touristen".
Glücklicherweise hatte ich bevor meine Mukoviszidose Erkrankung sich so weit verschlechterte, dass es mir nicht mehr möglich war, die Möglichkeit viele fremde Länder und andere Kulturen kennen zu lernen. Ich erinnere mich an einige Urlaube in Spanien und auf den Kanaren, bis ich 2001 zu meiner Jugendweihe eine Reise geschenkt bekam, die meine Einstellung zum Reisen grundlegend verändern sollte. Es waren sieben Tage Busrundreise in Florida und im Anschluss eine Woche Erholung in Miami.
Seitdem bin ich den Vereinigten Staaten regelrecht verfallen und froh, dass ich 2005 erneut eine Woche lang New York, einen kleinen Teil Kanadas, Philadelphia und Washington D.C. bestaunen konnte, am Grab John F. Kennedys stand und die Niagara Fälle in die Tiefe stürzen sah.
Die Vollendung der Trilogie war Ende Sommer 2006 die vierzehntägige Busrundreise durch Kalifornien, Nevada, Utah und Arizona. Ich wandelte auf der Golden Gate Bridge und der Gefängnisinsel Alcatraz in San Francisco, sah mit dem Yosemite und Grand Canyon National Park die unglaublichsten und mit schönsten Landschaften, die es auf der Erde gibt, schwitzte in Las Vegas bei 40°C auf dem Strip, fuhr durch die Mojave Wüste, sah die alte Route 66, ging in Los Angeles über den Walk of Fame in Hollywood, stand ein paar Meter über dem Pazifik auf dem Santa Monica Pier und fuhr auf dem Pacifik Coast Highway 101.
Die gesammelten Erfahrungen dieser drei Reisen - von Städten, Architektur, Geschichte, Landschaften, Gespräche mit den Menschen, der kurze Einblick in deren Kultur bis hin zu den kleinen und großen Erlebnissen auf diesen Reisen - sind dermaßen unbezahlbar, dass sie mein Leben grundsätzlich verändert haben. Leider ist das für andere oft nicht nachvollziehbar und hat auch nichts damit zu tun, was man von den USA hält - große Reisen bieten Erfahrungen an, die unser Leben bereichern können. Ich bin mehr als dankbar, diese Reisen gemacht haben zu dürfen. Den Versuch wiederzugeben, was ich dort erlebte, findet man in der Kategorie "Kreatives" wo ich eine Art Reisebericht zu dem USA Aufenthalt 2006 geschrieben habe.
Diese Art von Reisen sind es, die ich in vollen Zügen genoss. Erholungsurlaub am Strand wird ersetzt durch die Neugier auf Menschen und Kulturen, auf Städte und Geschichten. Es gibt so viele Dinge zum Hinzuschauen - sowohl auf die immer wieder in anderen Ländern erfahrene Gelassenheit, die ich zu Hause vergebens suche, als auch auf negative Dinge wie Armut. Auch brauche ich im Ausland kein Hofbräuhaus - sich ein Teil jener Kultur anzunehmen und einen Teil dort zu lassen, ist eine äußert sinnvolle Angewohnheit.
Reisen ist mehr als Urlaub - auf meiner Schottland Tour 2008 konnte ich das ein weiteres und bislang letztes Mal erleben. Es ist aktives Wahrnehmen und Aufnehmen, Erleben und manchmal auch das Annehmen von Dingen, die man kennen gelernt hat.
Mein Österreich Urlaub 2010 mündete darin, dass ich am 14. August 2010 um 15:23 Uhr mit einem Sauerstoffgerät und 3 Litern Sauerstoff pro Minute auf 2959m Höhe auf der Zugspitze stand. An die Grenzen meiner körperlichen Leistungsfähigkeit gekommen, sind es nun nicht mehr die großen Reisen, die mir jene sehnsüchtig gesuchten Erfahrungen verschaffen. Es sind die kleinen Ausflüge, die diese Aufgabe nun übernehmen.
alle wollen da hin, deshalb will ich das aaaaaauch ....
So besingt es Rainald Grebe im Lied "Brandenburg". Berlin, das gibt auch mir etwas. Durch Berlin und an all den historischen Orten vorbeizufahren, am Reichstag zu stehen und wenige Meter weiter am Brandenburger Tor, unter den Linden im Café Einstein oder wenige Meter weiter im Steakhouse am ZDF-Studio zu speißen und Diplomaten und Anzugträger zu beobachten, am Potsdamer Platz im Sony Center wildfremde Menschen aus aller Welt um sich zu haben oder an der Nofrotete auf der Museumsinsel mit einem Schiff auf der Spree vorbeizufahren - das heißt Abschalten und Genießen. Berlin, ick liebe dir.
