Avatar - noch eine Meinung
- Details
- Kategorie: Sonstiges
- Erstellt am Samstag, 06. Februar 2010 14:34
Obwohl "Avatar - Aufbruch nach Pandora" nun schon über einen Monat im Kino läuft und sich die Meldungen schon noch länger überschlagen, bin ich erst jetzt dazu gekommen mir den Film anzusehen.
Meinungen zu James Cameron's neuem Film gibt es genug - warum also meine jetzt auch noch? Weil ich es kann.
Und weil ich denke, dass dieser Film ein ganz großer ist - vielleicht einer der größten.
Leider scheinen ein paar HimmelsMenschen nur einen Teil davon wahrzunehmen: die "geilen" 3D-Effekte, die "krassen" computeranimierten Na'Vi, den "hammermäßigen" Planeten ... aber man kann natürlich niemanden zwingen mehr hinein zu interpretieren.
Sicherlich ist die technische Realisierung im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubend. Da wären zum einen die Motion Capture Verfahren, die inzwischen Gesichtszüge aufnehmen und damit glaubwürdig Emotionen auf die Na'Vi übertragen. Zum anderen ist die sehr detaillierte Welt von Pandora, die zeigt was sich seit 1996 und "Toy Story" so alles auf dem Gebiet getan hat. Nicht zuletzt wäre da noch das "neue" 3D-Kino. Was die Presse übertrieben als Revolution feiert, ist für mich eher Evolution. In Avatar werden die 3D-Effekte glücklicherweise nicht übertrieben eingesetzt und verschmelzen unauffällig mit den anderen Werkzeugen der Filmemacher. Im übrigen störte mich bereits im Kino, dass der 3D Effekt mit dem Rand der Brille und Leinwand logischerweise aufhörte. Dem Wahn einer Industrie mit 3D-fähigen LCD-Fernsehern den Umsatz neu anzukurbeln, stehe ich kritisch gegenüber. Was im Kino gut wirkte, weil es das gesamte Blickfeld füllte, kann ich mir selbst bei noch so großen TV-Bildschirm nicht so mitreißend vorstellen.
Technisch gesehen ist Avatar also ein Highlight. Meines Erachtens darf die Betrachtung aber da nicht aufhören. Im Kino ist es doch nicht viel anders als in der Literatur. Form und Inhalt müssen sich die Waage halten. Die ganze Technik ist nichts als Handwerkzeug um eine Geschichte zu erzählen. Oder die Geschichte Mittel für ein Technik Spektakel. Oder eben beides. Es kommt darauf an, was man sieht - oder wie die Na'Vi sagen: "oél ngáti kámeie" ("Ich sehe dich").
Einige finden die Geschichte einfach gestrickt. Ich bin geneigt dem teilweise zuzustimmen. Avatar erzählt eine geradlinige Geschichte, ohne große Überraschungen oder Wendungen und ohne verstrickte oder undurchschaubare Zusammenhänge. Die eine große Handlung macht den Film aber zugleich so besonders, denn sie besteht aus einer Vielzahl von einzelnen Motiven. Manche meinen, Avatar sei ein Sci-Fi Pocahontas. Ich antworte mit dem kleinen Prinzen von Saint-Exupéry: "Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar". Es geht nicht nur um dutzende Themen aus dem Bereich Umwelt und Kapitalismus. Avatar fragt auch nach der künstlichen Erschaffung von Leben, wie das Gehirn funktioniert, was Bewusstsein und Persönlichkeit ist, was Maschinen leisten können, ob es eine "reine" Forschung um ihrer Selbstwillen gibt, wo die Verantwortung bleibt, warum wir ständig missionieren und anderen unsere Vorstellungen überstülpen, wie wir mit Behinderten umgehen, was wir bereit sind für Gesundheit zu tun, welche Hoffnungen (unheilbar) Kranke haben (Stichwort Transplantation), ob sich technischer Fortschritt und Glaube vereinbaren lassen, was Glaube ist, wie wir uns und andere wahrnehmen, wie tiefgründig wir uns mit dem was uns umgibt auseinandersetzen (um nicht "verbinden" zu sagen), wie wir mit unseren Ahnen umgehen, was wir aus der Vergangenheit lernen ...
Wer Google fragt, wird sicher noch viel mehr Motive finden.
Avatar reißt mich technisch und inhaltlich aus dem Kinsositz und lässt mich tief eintauchen in das Geschehen auf Pandora. Es ist ein Genuss für die Sinne und Anregung für den Geist.
Avatar sieht man nicht, man erlebt ihn - wenn man sich darauf einlässt. Oder erneut mit den Worten der Na'Vi:
Oél ngáti kámeie.


